Mittwoch, 26. April 2017

Glückliche Jahre und die Vertreibung aus dem Paradies




Wenn ich meine Kindheit als glücklich bezeichne, so ist das natürlich ein ganz und gar subjektives Urteil. Sie erscheint mir jedenfalls – in meiner Erinnerung - als recht glücklich.

Objektiv gesehen gab es einen ziemlich chaotischen Start ins Leben, wohl mit einigen traumatischen Erfahrung und der frühen Scheidung meiner Eltern. Dies Alles weiß ich aber nur aus zweiter Hand. Meine frühesten Erinnerungen setzen da ein, wo sich schon alles wieder beruhigt hatte:
Die Zeit zwischen meinem dritten und siebten Lebensjahr war die glücklichste meines Lebens gewesen.
  In jenen Jahren hatte ich – zusammen mit meiner Mutter – bei meinen Großeltern in einer kleinen dörflichen Wohnsiedlung gelebt und mich sehr geborgen und behütet gefühlt. Gleichzeitig gab es jede Menge Spielkameraden und Spielmöglichkeiten. Ich vermisste nichts!
     Das Ende meiner glücklichen Kindheit kam dann schnell und überraschend. Meine Mutter hatte erneut geheiratet und verbrachte mit ihrem neuen Lebensgefährten die Flitterwochen in Südfrankreich. Während dieser Zeit, es waren auch gleichzeitig meine ersten großen Schulferien, wurde ich „Onkel Willi“ und „Tante Maria“ untergebracht. Es was so als wollte das Schicksal noch einmal in besonderer Weise das Füllhorn des Glücks über mich ausgießen.
    Denn dieses natürliche Landleben in Verbindung mit der liebevollen Art der Verwandten erzeugten bei mir einen Glückszustand, den man vielleicht als „paradiesisch“ bezeichnen könnte. Diese Wochen waren mein ganz persönlicher Paradiesaufenthalt!   
    Doch dann kam jener Tag, an dem mich meine Mutter und mein neuer Vater mich abholen kamen. Es war für mich wie ein Schock gewesen. Ich hatte die Wirklichkeit außerhalb meines „Paradieses“ komplett vergessen gehabt. Und als der Wagen meines Stiefvaters den Bauernhof verließ und die winkenden, liebgewonnenen Verwandten aus dem Blickfeld gerieten, begann ich zu ahnen, dass ich nie wieder so glücklich sein würde. Und ich sollte Recht behalten! ( aus „Im Banne des Bösen“)

Wäre es nun besser gewesen, jenes paradiesische Glück nie kennengelernt zu haben? Hätte man es dann später auch nicht so schmerzlich vermisst? Nein, ich denke, dass dies eine falsche Betrachtungsweise wäre. Denn es war jener Stachel im Fleische, der mich immer wieder neu suchen ließ und am Ende zu einem Glück ganz anderer Art und Qualität führte. Dazu später noch mehr. Aus dem Paradies verstoßen wartete erst einmal die raue Wirklichkeit auf mich!

Dienstag, 25. April 2017

Eine schulische Sternstunde


Ich hatte gerade mein Referat geendet und in der Klasse herrschte Schweigen. Nanu, dacht ich, was ist los? Plötzlich erhob sich Wolfgang,  unser Klassensprecher, und sagte: "Das hier war das Beste was ich während meiner ganzen Schulzeit hier gehört habe. Es hat mich wirklich getroffen, für mich die Dinge auf den Punkt gebracht." Er setzte sich wieder und es brandete ohrenbetäubender Applaus auf. Ich blickte rüber zu Herrn B., unserem Deutschlehrer, der mit steinerner Miene vorne am Pult saß und keinen Finger rührte.
   
Als ich etwa eine Woche zuvor mich für ein Referat zu einem Text über den Verlust der kindlich-glücklichen Naivität und der daraus folgenden erwachsen-unglücklichen Sinnsuche meldete, war dies eine spontane Aktion gewesen. 
    Für viele sicherlich überraschend, weil ich ansonsten aus meinem Desinteresse an schulischen Dingen wenig Hehl machte und als rebellisch galt. Weshalb mich auch Herr B. schon oft seine Ablehnung/Mißbilligung hatte spüren lassen. Obwohl ich ausgerechnet ihn  immer mit einem gewissen Respekt behandelt hatte.
   In der Vorbereitung des Referates erlebte ich dann, dass der Text mich innerlich tief berührte. Ich fand hier - zumindest empfand ich es so - die Antwort auf eine Frage, die mich seit Jahren beschäftigte: Wohin war das Glück meiner Kindheit entschwunden? Die Antwort lautete: Höre auf diesen vergangenen Glückzustand  zu suchen. Er ist unwiederbringlich fort. Blick nach vorne und versuche das Beste aus deinem Leben zu machen!
    
Als ich das Referat hielt, stellte ich diesen Punkt in besonderer Weise heraus, meine persönliche Betroffenheit nicht verbergend.
   Und die Reaktion der Klasse zeigte, dass offensichtlich nicht nur ich unter dem Verlust des kindlichen Glücks litt, sondern dieses Gefühl auch den Anderen vertraut war. 
     In diesem Sinne hatte ich dann auch für sie - wie Wolfgang es formulierte - die Dinge auf den Punkt gebracht und uns allen - bis auf Herrn B. - eine schulische Sternstunde beschert



   

Montag, 3. Oktober 2016

Es kommt oft anders, als man denkt!




Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. (1. Kor. 15,10)

Diese Worte des Paulus könnte man so verstehen, dass er seine Bekehrung ( zum christlichen Glauben) und seine Berufung (zum Apostel) als ein Werk Gottes verstanden hat. Will man der Apostelgeschichte glauben schenken, dann war dies auch tatsächlich der Fall.

Biblisch gesehen sind Bekehrung und Berufung eines Menschen immer ein Werk Gottes. Niemand kann sich da weder bezüglich des einen noch des anderen auf die eigene Schulter klopfen. Die Initiative geht immer von Gott aus, der Mensch kann nur darauf reagieren.

Wenn ich meine eigene  Bekehrungsgeschichte (hier anclicken) betrachte, so lag ihr - aus meiner Sicht - ein völlig eindeutiges Handeln Gottes zugrunde. ... Bis hierher habe ich das Alles schon oft erzählt.

"Und ... wie war das mit deiner Berufungsgeschichte? War das auch eine eindeutige Gnade Gottes?" werde ich gefragt. Ich schweige nachdenklich! Denn der Frager hat einen wunden Punkt berührt.

1988, also drei Jahre nach meiner Bekehrung, hätte ich diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet ... war ich auf wirklich unglaubliche und wundersame Weise auf eine Bibelschule (hier anclicken) geführt worden?  Konnte da noch der geringste Zweifel bestehen, dass ich zum vollzeitlichlichen geistlichen Dienst, - als Pastor, Missionar oder Lehrer - berufen war?

Die Dinge haben sich dann in einer Weise entwickelt, wie ich sie niemals - auch nur ansatzweise - vorausgesehen oder - geahnt hätte. Raus aus allen gemeindlichen Zusammenhängen und bürgerlichen Vorstellungen, rein ins Abseits und den Alleingang.

"Was, du lebst ohne Gemeinde? Das ist unbiblisch!" höre ich mein Gegenüber am Bibelstand mit einem leicht empörten Unterton sagen. Ich lächele gequält ... der junge Mann hat Glück ... zehn Jahre zuvor hätte ich ihn noch nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet.  Diese Mal belasse ich es bei einem: "Vielleicht ist Gott ja größer als dein Bibelverständnis ... und macht manchmal auch eine Ausnahme und geht mit einem Menschen einen anderen Weg!"  Ohne ihn natürlich zu überzeugen. 

Fühle ich mich zu einem solchen Alleingang berufen? Vielleicht! Ja, eigentlich schon! Aber was soll das für einen Sinn machen? Es wird schon einen Sinn haben. Vielleicht lernt man in der Einsamkeit besser auf die Stimme Gottes zu hören ...

Heute bin ich sehr vorsichtig geworden bei dem Wort Berufung. Gewiß, es war mir in all den Jahren fast immer - mal mehr mal weniger - ein Bedürfnis gewesen Andere auf den Glauben an Jesus hinzuweisen. Und was da Alles so geschieht, könnte einen schon an eine Berufung glauben lassen. 

Wenn man sich aber zu etwas berufen fühlt, so ist es wichtig, dass man in diesen Dingen treu und achtsam bleibt.  Mit diesem Rat lasse ich es - für heute - dann mal bewenden. 


 

Freitag, 11. Juli 2014

Der Skiunfall

Diese Foto ist von http://www.bigfoto.com/

Als Dieter und ich uns an einem Wintermorgen mit unseren Skiern auf den Weg zu einem abschüssigen Feld in unseren näheren Umgebung aufmachten, ahnte ich natürlich nicht, dass dieser Tag zu einem entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben werden würde.

   Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben, sieht man mal von den ersten drei Lebensjahren ab, recht harmonisch und in geordneten Bahnen verlaufen. Ich war 13 Jahre alt und besuchte ein neusprachliches Gymnasium im Nachbarort. Als Klassenbester und auch Klassensprecher genoß ich einen gewissen Respekt, und war ansonsten auch immer für irgendwelche sportlichen Aktivitäten zu habenRein prognostisch deuteten alle Zeichen auf eine weitere positive Entwicklung.

 Als Dieter und ich an dem von uns anvisierten Hügel ankamen, wurden unsere Hoffnungen nicht enttäuscht. Wir fanden eine unberührte, dicke Schneedecke vor und fuhren den Abhang gleich einmal ganz runter. Nach zwei weiteren Abfahrten wurde uns der lange Aufstieg doch etwas mühsam und Dieter schlug vor: "Lass uns doch eine kleine Sprungschanze bauen!" Ich war sofort einverstanden und das Verhängnis nahm seinen Lauf!

Ein kleiner Schneehaufen war schnell festgeklopft und erlaubte etwa 2-3 Metern weite Sprünge. Aber keiner von uns beiden schaffte es am Ende auf den Skier stehenzubleiben. Vielleicht auch, weil wir mit normalen und nicht mit Sprungskiern sprangen. Aber Spaß machte es trotzdem. 

Irgendwann aber sagte Dieter: „Du, mir reicht es! Lass uns mal wieder nach Hause gehen!“ „Gut“ entgegnete ich, „aber einen Sprung mache ich noch! Vielleicht schaffe ich es ja dieses Mal stehenzubleiben.“ Und so nahm ich Anlauf, hob ab … und verlor mitten im Flug den linken Ski. Der Versuch auf einem Ski zu landen ging natürlich komplett schief. Ich stürzte, die Bindung des zweiten Ski öffnete sich nicht und ich spürte augenblicklich einen stechenden Schmerz im rechten Fußgelenk.

Dieter erfasste instinktiv, dass etwas nicht stimmte und eilte herbei: „Was ist los? Hast du dir weh getan?“ Ich nickte und versuchte aufzustehen. Aber ich sackte sofort wieder um. Der Schmerz im rechten Fuß war zu groß. Besorgt blickte besorgt drein und sagte dann: „Warte, ich helfe dir!“ So stand ich dann wenig später auf meinem linken Fuß, gestützt von meinen beiden Skistöcken. „Auf geht`s“, sagte Dieter und packte sich meine beiden Skier auf seine Schulter. Langsam humpelte ich neben ihm her.

Es war ein langer mühsamer Weg bis nach Hause. Aber schließlich ich an meinem Ziel angekommen. Als meine Mutter mir den Skistiefel vom Fuß zog, kam ein dick geschwollener Knöchel zum Vorschein. „Ist vielleicht nur eine Verstauchung. Wollen wir erst mal abwarten“, sagte sie.
   Aber die Schwellung und die Schmerzen ließen nicht nach und so landete ich dann doch beim Unfallarzt. Der blickte nur kurz auf die Röntgenbilder und sagte dann: „Klarer Fall! Der Knöchel ist gesplittert. Sechs Wochen Gips!“Kurz darauf war mein rechtes Bein fast bis zum Knie eingegipst. Nur die Zehen schauten vorne noch heraus.
    Damals Anfang der siebziger Jahren waren die medizinischen Heilmethoden noch nicht so weit entwickelt wie heute. Für mich bedeutete der starre Gipsverband wirklich fast sechs Wochen ununterbrochenes Liegen. Und auch wenn ich in der Zeit über 10 Karl-Maybände durchlas und mir meine Eltern jeden Wunsch erfüllten, war es eine trostlose und traurige Leidenszeit. In der ich auch nur zwei mehr oder weniger kurze Pflichtbesuche zweier Klassenkameraden bekam.
    Vielleicht war dies dann auch mit ein Grund, dass aus dem körperlichen Knacks ein seelischer wurde. Als ich nach sechs Wochen den Gips abbekam und langsam wieder Laufen lernte, war nichts mehr wie zuvor. Ich begann auf einmal die Welt mit anderen Augen zu betrachten.
 


(Fortsetzung folgt)

Nur drei Wimpernschläge vom Tode entfernt




Es war im Alter von fünf Jahren, als ich das erste Mal mit dem Thema Tod konfrontiert wurde. Und dies kam so: Mein Freund Elmar und ich hatten beschlossen, rüber auf die große Wiese zu wechseln. Als wir die Dorfstrasse erreichten blieb ich stehen, da ich von links ein Auto herannahen sah. Erster Wimpernschlag!
   Zu meiner großen Überraschung sah ich Elmar die Fahrbahn betreten. Zweiter Wimpernschlag! Und dann ging alles ganz schnell. Als Elmar das mit hoher Geschwindigkeit herankommende Fahrzeug gewahr wurde, rannte er los. Dritter Wimpernschlag! Gleichzeitig hatte der Fahrer den Wagen schon auf die andere Fahrbahn gelenkt. Der Zusammenprall schien unvermeidlich. In höchster Not schrie ich: “ELMARRR!!!“, woraufhin er abrupt stoppte und wendete. Genau dorthin, wo nun seinerseits der Fahrer vorbeizukommen versuchte.
    Elmar entging um Haaresbreite – und das kann man bildlich nehmen – dem Tode. Der Fahrer „entkam“ mit quietschenden Reifen und noch einmal richtig Vollgas gebend. Für einige Sekunden standen Elmar und ich noch schweigend da. Wir sprachen auch später nicht darüber und ich erzählte den Vorfall auch nicht zuhause.
   Was hatte uns so verstummen lassen? Ich denke, es war das plötzliche instinktive Erkennen, wie schnell alles vorbei sein kann. Ob ich mir damals schon die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt habe? Ob da Jemand geholfen hat? Auf einer unterbewussten Ebene mag dies tatsächlich der Fall gewesen sein. Ich weiß es nicht!?

Ein Tag im Leben kann alles verändern


Es war am Pfingstmontag 2014  gewesen, als ich am frühen Abend hinter dem Kölner Hauptbahnhof draußen im Cafeteriabereich saß und einen Kaffee trank. Der Himmel hatte sich bedenklich zugezogen und es wehte schon ein kräftiger Wind. Aber nichts Beunruhigendes.
    Plötzlich von einer Sekunde auf die nächste spürte ich von hinten eine heftige Windbö und blickte mich um. Im nächsten Moment kam ein großer Sonnenschirm auf mich zu und die Hauptstange fiel knapp neben mir zu Boden. Auf der Terrasse brach Panik aus, ein orkanartiger Sturm hatte eingesetzt und ich flüchtete mit den meisten Anderen ins Cafe.
    In solchen Momenten handelt man mehr oder weniger instinktiv. Aber im Nachhinein habe ich mir schon die Frage gestellt, was passiert wäre, wenn mich die Stange am Kopf getroffen hätte. Möglicherweise wäre dieser Artikel niemals geschrieben worden.
 
Als ich am nächsten Morgen mein Hotel verließ und mich auf den Weg zur Uni machte, war ich etwas missmutig gestimmt. Alles herum erschien mir so profan und bedeutungslos. Plötzlich kam ein Satz in den Sinn: Every day in life can change everything. Überrascht blieb ich stehen und dachte: Ja, das stimmt!
    Wie ein Sonnenstrahl, der durch eine graue Wolkendecke bricht, erhellte dieser Gedanke mein Gemüt. Mag auch manches noch so trostlos und hoffnungslos im Leben erscheinen, gerade heute könnte der Tag sein, der dem Leben eine völlig neue Richtung gibt. Und es muss ja nicht gleich der "Himmel" sein, der einem in Form einer dicken Stange auf den Kopf fällt.